Wir sind dabei

Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage

Am 26. März 2010 fand die feierliche Titelverleihung an das "Ökumenische Domgymnasium" im Magdeburger Dom statt, einem Ort, der untrennbar mit dem Ende der SED-Diktatur und dem Einsatz für Demokratie und Menschenrechte verbunden ist. Hier wurden während der Wendezeit die Friedensgebete durchgeführt, die eine zentrale Aktivität der kirchlichen Opposition waren. Der engagierte Pate der Schule, Domprediger Giselher Quast, initiierte 1989 die Friedensgebete und die Magdeburger Montagsdemonstrationen. 1991 wirkte er aktiv mit bei der Gründung des "Ökumenischen Domgymnasiums Magdeburg".

Auch die Form der Titelverleihung war ungewöhnlich und fand, dem Schulprofil angemessen, eingebettet in einen Gottesdienst statt, den Giselher Quast leitete. Im Mittelpunkt standen Texte aus der Bibel, die sich explizit gegen Fremdenfeindlichkeit wenden. Eine Schülerin verlas aus 3. Mose 19, 33-34: "Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland". Giselher Quast sprach in seiner Predigt über einen Ausschnitt aus dem Brief des Paulus an die Galater – "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus".
Der Landesminister für Gesundheit und Soziales in Sachsen-Anhalt, Norbert Bischoff, würdigte ausdrücklich das beeindruckende Engagement der Schülerinnen und Schüler. Diese wurden bei dem Festakt vertreten durch die Schülerin Theresa Jakuzeit und den Schüler Philipp-Martin Nodewald. Neben dem Schulleiter Dietrich Lührs sprachen außerdem aus der Landeszentrale für politische Bildung die Landeskoordinatorin von "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" in Sachsen-Anhalt Cornelia Habisch und als Vertreter der Bundeskoordination Henning Flad.

Anschließend fand in der Schule ein Empfang statt. Das Schild wurde nicht wie oft üblich am Haupteingang der Schule, sondern zum Schulhof hin angebracht, um die Schulmitglieder im Alltag an ihre Selbstverpflichtung zu erinnern. Ein großer Erfolg für die SOR-SMC-Landeskoordinatorin Cornelia Habisch: allein in Magdeburg gehören nunmehr elf Schulen dem Netzwerk von SOR-SMC an und in kaum einem anderen Teil von Deutschland wuchs in den letzten Jahren die Anzahl der teilnehmenden Schulen so schnell wie in Magdeburg.

An unserer Schule haben wir momentan mehrere Projekte, Arbeitsgemeinschaften und im nächsten Jahr eine Wanderausstellung im Sinne der Idee von „SOR-SMC“. Insbesondere die seit Jahren praktizierte Friedensdekade, die Kriegsgräberpflege oder die durch engagierte Schüler und Lehrer initiierte „Meile der Demokratie“ müssen hier erwähnt werden. Im Fokus des folgenden Berichts soll die seit Beginn des Schuljahres 2011/2012 wiedergegründete AG „Stolpersteine“ stehen.

Nach eineinhalbjähriger Pause im Schuljahr 2011/12 neu gegründet, besteht die Arbeitsgemeinschaft nun aus zehn Mitgliedern der 6. bis 10. Klassen und zwei Lehrerinnen. In enger Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Magdeburg“ hilft die AG „Stolpersteine“, das Schicksal von Magdeburgerinnen und Magdeburgern, die während der NS-Zeit verschleppt und ermordet wurden, zu erforschen. Für diese Menschen werden in Magdeburg, wie in anderen Städten, ein bis zwei Mal im Jahr sogenannte „Stolpersteine“ verlegt, die an sie erinnern sollen. „Stolpersteine“ sind kleine Denkmale, die an Menschen erinnern, die deportiert wurden und die dann zumeist ermordet wurden, in Konzentrationslagern umkamen oder deren Schicksal nicht genau bekannt ist, dass man aber erahnen kann. Es handelt sich um Menschen aus Magdeburg, die, weil sie Juden, Kommunisten, Sinti oder Roma, Homosexuelle, Widerständler, Behinderte oder Zeugen Jehovas waren, den nationalsozialistischen Machthabern missfielen.

Die Schülerinnen und Schüler stellen Nachforschungen über diese Menschen an und schreiben Erinnerungstexte über sie, die dann bei der Verlegung der Stolpersteine vorgetragen werden. Oftmals sind es ganze Familien, die verschleppt wurden und an die erinnert werden soll und über die man heute kaum noch etwas weiß. So geht die Arbeitsgemeinschaft in verschiedene Archive (Stadtarchiv, Landeshaupt-archiv, Archiv der Synagogengemeinde), um dort z.B. anhand alter Telefonbücher und Akten des Standes-amtes etwas über die betroffenen Menschen zu erfahren. Manchmal gibt es auch noch Verwandte oder andere Menschen, die über diese Zeit und die Menschen noch Auskunft geben können oder die ein Foto haben. Auch aus Ausstellungskatalogen und anderen Veröffentlichungen erfahren die Schülerinnen und Schüler etwas über diese Zeit und auch über einzelne Personen.

Durch ihr Engagement möchten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft auf diese Weise einen Beitrag dazu leisten, dass man an diese ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger Magdeburgs wieder denkt und ihre Namen bekannt werden. Zum Teil wird im Zuge dessen auch versucht Spenden aufzubringen, um die Finanzierung eines Stolpersteines zu gewährleisten. So bringt die Arbeitsgemeinschaft diese Zeit und diese Menschen an die Öffentlichkeit und lässt sie so im Gedächtnis aller wieder lebendig werden.

Die AG „Stolpersteine“ liegt dem Ökumenischen Domgymnasium ganz besonders am Herzen, weil sie Kenntnis erlangt, über Einzelschicksale, die mindestens ebenso erschütternd sind wie die für viele in ihrer Monstrosität so abstrakt scheinenden Zahlen von Millionen von Opfern des NS-Regimes. Und eben auf diese Schicksale Magdeburger Bürger während der NS-Zeit möchte die Arbeitsgemeinschaft aufmerksam machen und im Sinne des christlichen Glaubens und der Ökumene einen Beitrag zur Erinnerung an die Opfer leisten, um in Zukunft solche Gräuel, auch im Kleinen, im Charakter des Projekts „SOR-SMC“ zu verhindern.

Norman Schubert

"Worte, Blumen und Musik erinnern an Pogromnacht"
Artikel in der Magdeburger Volksstimme vom 9.11.2011

Die „Vergessenen Rekorde“ waren erstmalig an einer Schule zu Gast - vom 10. September bis 24. Oktober 2012 präsentierten sie sich im Ökumenischen Domgymnasium in Magdeburg.

Nach den olympischen Hochleistungen in London zog die Wanderaus- stellung „Vergessene Rekorde – Jüdische AthletInnen vor und nach 1933“ weiter an ihren neunten Ausstellungsort. Mit dem Ökumenischen Domgymnasium Magdeburg war erstmals eine Schule als Leihnehmer Gastgeber der Präsentation. Für Mitinitiator Berno Bahro von der Universität Potsdam realisierte sich damit ein wichtiges Ziel der „Vergessenen Rekorde“, die seit Ihrer Premiere 2009 bereits rund 10.000 BesucherInnen begrüßen konnte: „Wir haben die Ausstellung damals mit Studierenden anlässlich der Leichtathletik-WM 2009 erarbeitet, weil wir diese wichtigen Forschungsergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und das Publikum für die Thematik sensibilisieren wollten.“

„Gerade die Ausstellung „Vergessene jüdische Rekorde“ zeigt die Brutalität des Dritten Reiches bei der Verfolgung der Juden, da man jüdische Sportler noch einige Zeit gewähren ließ und sie zu Propagandazwecken missbrauchte", so Schulleiter Dr. Dietrich Lührs. "Ausstellungen wie diese gehören an Schulen, um junge Menschen mit dieser dunkelsten Seite deutscher Geschichte nicht nur im Unterricht zu konfrontieren, sondern auch so ein Bewusstsein für die unauslöschliche Schuld und besondere Verantwortung des deutschen Volkes deutlich zu machen. Es wäre wünschenswert, wenn viele junge Menschen diese beeindruckende Ausstellung besichtigen und wir damit zur Aufklärung über eine bisher kaum diskutierte Thematik beitragen können.*

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Biografien der jüdischen Ausnahmetalente Lilli Henoch (Berliner SC), Gretel Bergmann (Schild Stuttgart) sowie Martha Jacob (SC Charlottenburg). Es wird an ihre sportlichen Erfolge erinnert, die heute weitestgehend vergessene Rekorde sind. Die Präsentation versucht darüber hinaus weitere Schicksale jüdischer AthletInnen aus jener Zeit zu erzählen, die zeigen, dass eine Ausgrenzung aufgrund der konfessionellen Abstammung mit der politischen Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 allgegenwärtig war. Eine Tatsache, die für viele Jugendliche heute schwer zu verstehen ist. Vor diesem Hintergrund dienen die „Vergessenen Rekorde“ als wichtiges Verbindungsstück zwischen dem Spitzensport heute und den Leistungen von damals.

Parallel zur Ausstellung wurde unter Leitung von Norman Schubert in einer neunten Klasse, die Geschichte der Weimarer Republik und der NS-Zeit im Zuge eines multiperspektivischen Geschichtsunterrichts auch aus Sicht des Sports zu beleuchtet.

"Vergessene Rekorde
Jüdische AthletInnen vor und nach 1933"

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Ansprechpartner

Bild: Ansprechpartner

Herr Schubert
Projektkoordinator „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage"

E-Mail: n.schubert [at]
domschulen-magdeburg.de

Urkunde

Bild: Urkunde

Projektpate

Bild: Projektpate

Domprediger Giselher Quast